Wenn der Patient zur Taschenuhr greift...

Es ist Abendrunde auf unserer Station und die letzten Stunden waren ziemlich stressig. Für ein paar Minuten kehrt endlich etwas Ruhe ein. Nachdem das Organisatorische geklärt ist gibt es noch eine Befindlichkeitsrunde. Der Patient zu meiner Rechten äußert sich nur knapp, dass es soweit gehe. Die Runde geht rum und endet wieder bei mir. Ich will gerade noch ein kurzes Lob an die Leute vom Küchendienst aussprechen, als der besagte Patient zu meiner Rechten zu seiner Taschenuhr greift. Ich nehme alles lediglich aus dem Augenwinkel wahr und wundere mich bereits warum es so den Anschein macht, dass er die Uhr total verkrampft festhält als auch schon meine Kollegin reagiert: Ein Krampfanfall!

Der Patient wird zur Seite und auf die Stühle gedreht, so dass er flach liegen kann, und wird von uns gesichert damit er nicht runterfällt. Meine Kollegin holt bereits das Diazepam für alle Fälle doch nach 35 Sekunden beginnt sich der Krampf bereits zu lösen. Als der Patient langsam zu sich kommt, steht er noch sehr neben sich und an den Anfall hat er natürlich auch keine Erinnerung.
Ich gehe sein Bett holen, wo er wenig später reingelegt wird. Das Bett bleibt auf dem Flur stehen um ihn beobachten zu können.

Interessanter Nebenaspekt des Geschehens: Am Morgen hat der Patient das Antiepileptikum verweigert, da es ihm zu viele Nebenwirkungen mache. Bei uns im Spätdienst haben wir dann darauf bestanden, dass er es definitiv noch nachträglich zu nehmen hat. Grummelnd und widerwillig hat er das dann auch getan, mit der vollmundigen Aussage, dass er doch gar nicht krampfe. Nach dem Grand mal-Anfall - im Bett liegend - war er dann etwas kleinlauter. Deswegen wollte er ja unbedingt stationär entziehen, damit jemand professionelles da ist, wenn ihm so etwas passiert ... und nicht irgendjemand übles aus der Szene der ihm nachher sämtlicher Sachen beraubt...

Der Abend schreitet voran und überraschend früh wird der Patient wieder aktiv. Unsere Bitten doch liegen zu bleiben verhallen ungehört. Er könne nun schon wieder, er sei wieder ganz da und fit. So stapft er auf dem Flur herum, isst ganz normal zu Abend, raucht und schaut sogar noch Fernsehen.
Es ist kurz vor der Übergabe zum Nachtdienst, der erste Kollege ist auch bereits eingetroffen als plötzlich eine Patientenklingel läutet. Ich verlasse das Übergabezimmer und blicke den Flur herunter, kann allerdings keine rote Leuchte über einem der Zimmer sehen. Da es aber noch weiter läutet, muss es von einem der Zimmer um die Ecke kommen (an dieser Stelle sollte man erwähnen, dass unsere Station L-förmig aufgebaut ist und man so quasi nie die komplette Station im Überblick hat). Als ich um die Ecke komme, sehe ich sofort, dass es das Zimmer von dem Patienten mit dem Anfall ist und mein Schritt beschleunigt sich sofort. Im Zimmer liegt der Patient in dem anderen Bett (er hat ein Einzelzimmer) da sein richtiges Bett ja immer noch bei uns auf dem Flur steht. Er hält sich den Kopf und auf Bett und Boden findet sich eine ganz ordentliche Blutlache. Der Patient hat keine Erinnerung was passiert ist, aber damit ist eigentlich auch schon alles gesagt: Ein zweiter Anfall und dabei hat er sich ziemlich ordentlich den Schädel angerummst.

Sofort bin ich wieder auf dem Rückweg, dieses mal zum Dienstzimmer um Verbandszeug zu besorgen und meinen Kollegen am anderen Ende des Flurs bescheid zu geben. Flux sind wir zu dritt bei dem Patienten. Glück im Unglück, es ist nur eine Platzwunde und dem Patienten scheint es oberflächlich betrachtet recht gut zu gehen. Doch die Wunde muss definitiv genäht werden. Die ÄVD kommt vorbei um sich die Sache anzusehen und berichtet, dass auf der Nachbarstation kurz zuvor ebenfalls jemand mit einem Anfall war. Der musste dann ebenfalls ins Krankenhaus und so ist es kein Wunder als ich auf der Leitstelle vom Rettungsdienst anrufe und mir gesagt wird: "Was? Ein Patient mit einem Krampfanfall und Platzwunde zum Transport für ein chirurgisches Konzil? Das war doch vorhin schon mal bei Euch!?!"


Mein erster und zweiter Grand-mal Anfall überhaupt. In drei Jahren Ausbildung nicht einmal gesehen oder bei so etwas dabei gewesen. Dass es auf dieser Station nur eine Frage der Zeit war, war klar. Nun habe ich es hinter mir und kenne beide Seiten: Glimpflicher Ablauf ohne großes Aufhebens und die doch wahrscheinlicherer Variante mit stumpfem Trauma.
Nicht nur wegen diesen Vorfällen war es ein arbeitsreicher Tag auf Station gewesen, der bald darauf endlich zu Ende ging.

4.4.09 11:52

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