Der russische Entzug

Dieser Entzug gilt auch für Personen die nicht direkt russisch aber irgendwo Ableger der ehemaligen Sowjetunion sind, bis hin zu Polen, Litauen und Ukrainer. Ausgezeichnet durch oberflächlich abgebrühte Härte, schließlich verträgt so ein Russe was. Hilfsmittel gegen den Entzug? Wer braucht das schon? Nein, eigentlich könnte es auch ein kalter Entzug sein, aber ganz so krass muss es dann auch nicht sein. Aber da wird schon mal deutlich schneller reduziert als nötig.

Und dann wenn der Entzug so richtig heftig wird, dann brechen sie leider doch oft ein. Es wird um Medis gefeilscht und gebettelt, die man nicht ausgeben kann und die auch nichts bringen würden, denn die Chance ist bereits vertan. Und dann ist man als Pfleger natürlich der badguy und es fallen russische Worte die definitiv keine Komplimente sind. Irgendjemand muss ja die Schuld haben und das können doch nur die Penner sein, die es von Anfang an besser wussten und ihre Hilfe angeboten haben als sie noch etwas genutzt hätte.

Und wenn der knallharte Russe es doch übersteht und nicht abbricht, dann steht die Therapie oder Entlassung kurz bevor…und der Russe hat nichts besseres vor als einen Rückfall noch auf Station zu bauen. Kein Cleanschein, kein positiver Arztbrief der den Entzug bestätigt und die nächste Aufnahme ist damit auch erst einmal ruiniert…wenn nicht von uns, dann von der Krankenkasse.

Der russische Entzug…manchmal doch etwas zu kalt für einen wirklichen Entzug.

 

28.8.09 13:40, kommentieren

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Der mediterane Entzug

Heute die erste Folge der Reihe: Unterschiedliche Kulturen - unterschiedliche Entzüge.

Der mediterane Entzug betrifft, wie der Name schon sagt, im Regelfall den Südländer. Meist Italiener, aber auch Türke, Spanier oder derweiteren mehr. Diese Volksgruppen zeichnen sich im Entzug dadurch aus, dass sie zu Beginn meist extrem freundlich, zum Teil regelrecht devot und unterwürfig erscheinen. Mit zunehmender Entgiftung wandelt sich das Bild jedoch und die Patienten werden zunehmend wehleidig, weinerlich, jammernd und schließlich auch gerne mal sehr gereizt. Das geht dann soweit, dass sie das Pflegepersonal oder Mitpatienten beleidigen und beschimpfen. In dieser Phase sollte man die Personen möglichst in Ruhe lassen, aber selbst das reicht nicht immer aus um einen Wutanfall zu verhindern, denn es ist gerne mal die kleinste Kleinigkeit die das brodelnde Fass zum überlaufen bringt. Wo am Anfang hinter jeder Anfrage noch ein zartes 'Bitte' kam, gibt es in der heißen Phase des Entzuges nur noch Forderungen ohne jede Kompromissbereitschaft. Das führt dann nicht selten zu Konfrontation, wenn der Patient etwas fordert, was nicht angeordnet ist und nicht so einfach gegeben werden kann oder aber wenn das Pflegepersonal es nicht verantworten kann ein verlangtes Medikament auszugeben...

1 Kommentar 7.8.09 16:06, kommentieren

Wie in einem schlechtem Horrorfilm

Zur Zeit habe ich Nachtdienst und schon mehrfach habe ich mich in meinen bisherigen Nächten als Examinierter gefragt, ob und wann wohl mal irgendwo die Reissleine (Alarm) gezogen wird. Letzte Nacht war es soweit. Unsere Station war zweifach besetzt, so dass ich zu dem Notfall eilen konnte.

Es war auf einer Station auf der ich bereits als Schüler eingesetzt war und der Patient war mir ebenfalls noch sehr bekannt. Er hatte sich im Badezimmer eingeschlossen, die Wanne volllaufen lassen und dann die Pulsadern "geritzt". In wie weit er sich tatsächlich versucht hat zu suizidieren bleibt offen, denn der Schnitt war nach Aussagen diverse Kollegen nicht sehr tief oder groß. Dennoch war die Badewanne bis oben hin mit dunkelrot gefärbtem Wasser gefüllt. Ein Anblick wie in einem schlechten Horrorfilm...

Der Notfall an sich war im Grunde nicht so dramatisch, denn die weitere Blutung konnte unterbunden werden und der Patient bekam, nachdem er auf den Boden gelegt wurde, eine Infusion reingejagt. Blutdruck war zwar etwas nieder aber was sollte man auch in diesem Moment erwarten.

Das Nervige an dem ganzen Szenario war eigentlich das wie ein aufgestachelter Hühnerhaufen agierende Pflegepersonal und der bescheuerte AVD der sich während seiner Kommandos beständig aufspielen musste, wie unfähig um ihn herum ja scheinbar alles war. Nein, kein Hetze, aber wo bleiben denn meine Handschuhe? Los, ich brauche jetzt sofort die Nadel, aber macht doch mal keine Panik. Ja, wie denn nun? Schnell oder kann es auch dauern? Und wenn schon jemand Handschuhe holen gegangen ist, dann bringt es nichts noch zehn Pfleger loszuschicken um welche zu holen.
Naja, professionell ist etwas anderes, aber so ist das wohl in einer Psychiatrie, wenn ein Notruf mal nicht eine Fixierung verlangt...

26.7.09 19:35, kommentieren

Abwesenheiten

Nicht ohne Grund habe ich in den letzten Wochen keinen Eintrag mehr gemacht. Krankheitsbedingt bin ich nämlich ausgefallen. Seit diesem Monat bin ich wieder auf Station, allerdings jetzt auch erst einmal nur noch für zwei Tage. Dann beginnt nämlich mein dreiwöchiger Urlaub.

Jetzt könnte ich zwar durchaus einiges berichten von diesem Monat, aber irgendwie passt es auch nicht wirklich, weil es dann doch sehr komplex und kompliziert wird. Also lasse ich es lieber bleiben und verweise auf den Juli....

24.6.09 20:17, kommentieren

Wenn der Patient zur Taschenuhr greift...

Es ist Abendrunde auf unserer Station und die letzten Stunden waren ziemlich stressig. Für ein paar Minuten kehrt endlich etwas Ruhe ein. Nachdem das Organisatorische geklärt ist gibt es noch eine Befindlichkeitsrunde. Der Patient zu meiner Rechten äußert sich nur knapp, dass es soweit gehe. Die Runde geht rum und endet wieder bei mir. Ich will gerade noch ein kurzes Lob an die Leute vom Küchendienst aussprechen, als der besagte Patient zu meiner Rechten zu seiner Taschenuhr greift. Ich nehme alles lediglich aus dem Augenwinkel wahr und wundere mich bereits warum es so den Anschein macht, dass er die Uhr total verkrampft festhält als auch schon meine Kollegin reagiert: Ein Krampfanfall!

Der Patient wird zur Seite und auf die Stühle gedreht, so dass er flach liegen kann, und wird von uns gesichert damit er nicht runterfällt. Meine Kollegin holt bereits das Diazepam für alle Fälle doch nach 35 Sekunden beginnt sich der Krampf bereits zu lösen. Als der Patient langsam zu sich kommt, steht er noch sehr neben sich und an den Anfall hat er natürlich auch keine Erinnerung.
Ich gehe sein Bett holen, wo er wenig später reingelegt wird. Das Bett bleibt auf dem Flur stehen um ihn beobachten zu können.

Interessanter Nebenaspekt des Geschehens: Am Morgen hat der Patient das Antiepileptikum verweigert, da es ihm zu viele Nebenwirkungen mache. Bei uns im Spätdienst haben wir dann darauf bestanden, dass er es definitiv noch nachträglich zu nehmen hat. Grummelnd und widerwillig hat er das dann auch getan, mit der vollmundigen Aussage, dass er doch gar nicht krampfe. Nach dem Grand mal-Anfall - im Bett liegend - war er dann etwas kleinlauter. Deswegen wollte er ja unbedingt stationär entziehen, damit jemand professionelles da ist, wenn ihm so etwas passiert ... und nicht irgendjemand übles aus der Szene der ihm nachher sämtlicher Sachen beraubt...

Der Abend schreitet voran und überraschend früh wird der Patient wieder aktiv. Unsere Bitten doch liegen zu bleiben verhallen ungehört. Er könne nun schon wieder, er sei wieder ganz da und fit. So stapft er auf dem Flur herum, isst ganz normal zu Abend, raucht und schaut sogar noch Fernsehen.
Es ist kurz vor der Übergabe zum Nachtdienst, der erste Kollege ist auch bereits eingetroffen als plötzlich eine Patientenklingel läutet. Ich verlasse das Übergabezimmer und blicke den Flur herunter, kann allerdings keine rote Leuchte über einem der Zimmer sehen. Da es aber noch weiter läutet, muss es von einem der Zimmer um die Ecke kommen (an dieser Stelle sollte man erwähnen, dass unsere Station L-förmig aufgebaut ist und man so quasi nie die komplette Station im Überblick hat). Als ich um die Ecke komme, sehe ich sofort, dass es das Zimmer von dem Patienten mit dem Anfall ist und mein Schritt beschleunigt sich sofort. Im Zimmer liegt der Patient in dem anderen Bett (er hat ein Einzelzimmer) da sein richtiges Bett ja immer noch bei uns auf dem Flur steht. Er hält sich den Kopf und auf Bett und Boden findet sich eine ganz ordentliche Blutlache. Der Patient hat keine Erinnerung was passiert ist, aber damit ist eigentlich auch schon alles gesagt: Ein zweiter Anfall und dabei hat er sich ziemlich ordentlich den Schädel angerummst.

Sofort bin ich wieder auf dem Rückweg, dieses mal zum Dienstzimmer um Verbandszeug zu besorgen und meinen Kollegen am anderen Ende des Flurs bescheid zu geben. Flux sind wir zu dritt bei dem Patienten. Glück im Unglück, es ist nur eine Platzwunde und dem Patienten scheint es oberflächlich betrachtet recht gut zu gehen. Doch die Wunde muss definitiv genäht werden. Die ÄVD kommt vorbei um sich die Sache anzusehen und berichtet, dass auf der Nachbarstation kurz zuvor ebenfalls jemand mit einem Anfall war. Der musste dann ebenfalls ins Krankenhaus und so ist es kein Wunder als ich auf der Leitstelle vom Rettungsdienst anrufe und mir gesagt wird: "Was? Ein Patient mit einem Krampfanfall und Platzwunde zum Transport für ein chirurgisches Konzil? Das war doch vorhin schon mal bei Euch!?!"


Mein erster und zweiter Grand-mal Anfall überhaupt. In drei Jahren Ausbildung nicht einmal gesehen oder bei so etwas dabei gewesen. Dass es auf dieser Station nur eine Frage der Zeit war, war klar. Nun habe ich es hinter mir und kenne beide Seiten: Glimpflicher Ablauf ohne großes Aufhebens und die doch wahrscheinlicherer Variante mit stumpfem Trauma.
Nicht nur wegen diesen Vorfällen war es ein arbeitsreicher Tag auf Station gewesen, der bald darauf endlich zu Ende ging.

1 Kommentar 4.4.09 11:52, kommentieren